Und manche Pferde verändern unseren Weg.
Meine Stute Ratafia, genannt Tafi, war so ein Pferd.
Wenn ich heute darüber nachdenke, hat sie den Grundstein für meine gesamte Sicht auf Pferde gelegt. Nicht, weil sie besonders spektakuläre Dinge getan hätte. Nicht, weil sie einfach alles gemacht hätte, was ich von ihr wollte.
Ganz im Gegenteil.
Tafi war ein Pferd mit einem eigenen Kopf. Sie war unabhängig und traf ihre eigenen Entscheidungen.
Aber genau das war es, was mich so viel über Pferde gelehrt hat.
Ich musste lernen zuzuhören.
Das Pferd vor mir sehen
Früher dachte ich natürlich auch darüber nach, was man einem Pferd beibringen kann. Man lernt Übungen, man probiert Dinge aus, man möchte gemeinsam Fortschritte machen.
Aber Tafi zeigte mir irgendwann etwas, das meine Sichtweise veränderte.
Ein Pferd ist nicht einfach ein Wesen, das darauf wartet, dass wir ihm etwas beibringen.
Ein Pferd bringt bereits so viel mit.
Es hat eine Persönlichkeit.
Es hat eigene Gedanken.
Es hat Gefühle.
Es hat Entscheidungen.
Die Frage ist nicht nur:
"Wie bringe ich meinem Pferd etwas bei?"
Die viel wichtigere Frage ist:
"Wer steht eigentlich vor mir?"
Eine Lektion im Schulterherein
Eine Situation mit Tafi ist mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben.
Ich hatte in einem Buch über Seitengänge gelesen, über das Schulterherein und die vorbereitenden Übungen. Ich probierte diese Übungen mit ihr aus, ganz ohne Druck.
Irgendwann beendeten wir unsere gemeinsame Zeit und ich brachte sie wieder auf die Weide.
Ich setzte mich zu ihr und aß mein Brot.
Es war einer dieser einfachen Momente, die eigentlich gar nichts Besonderes zu sein scheinen – und doch bleiben sie im Herzen.
Als es Zeit war zu gehen, rief ich Tafi zu mir.
Und sie kam angetrabt.
Im perfekten Schulterherein.
Ich hatte nicht mehr daran gedacht. Ich hatte nicht weiter geübt. Ich hatte nichts eingefordert.
Und doch war etwas geblieben.
Für mich war es ein Moment, in dem ich spürte:
Dieses Pferd hört nicht nur auf meine Signale. Dieses Pferd nimmt wahr. Dieses Pferd denkt mit.
Das Geschenk einer Levade
Ein anderes Erlebnis hat sich noch tiefer in meine Erinnerung eingebrannt.
Ich spielte mit Tafi in der Halle. Wir machten nichts Bestimmtes. Wir bewegten uns einfach miteinander, hüpften herum und hatten Freude.
Plötzlich lief sie diagonal in eine Ecke und galoppierte auf mich zu.
Ich war überrascht.
Tafi war respektvoll, aber ich wusste nicht, was sie vorhatte. Also wartete ich ab.
Kurz vor mir stoppte sie.
Und dann zeigte sie zweimal hintereinander eine Levade.
Eine Figur, die ich immer bewundert hatte.
Eine Figur, die ich aber nie mit ihr trainiert hatte.
In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass sie mir etwas schenkte.
Nicht eine Übung.
Sondern eine Botschaft.
Sie zeigte mir:
"Ich bin nicht nur hier, um deine Wünsche auszuführen. Ich habe auch etwas zu geben."
Von da an dachte ich anders über Pferde.
Ich dachte nicht mehr:
"Ich muss meinem Pferd etwas beibringen."
Ich dachte:
"Ich darf lernen, mit diesem Wesen in Beziehung zu treten."
Meine Stute Ratafia hat mir gezeigt, dass ein freier Wille nichts ist, was man brechen muss. Er ist etwas, dem man mit Respekt begegnen darf.
Lisa Peters: pferd.24-hs.de
