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Freitag, 17. Juli 2026

Meine Pferde als Lehrer – Eine Geschichte von Tafi




Manche Pferde begleiten uns ein Stück unseres Weges.

Und manche Pferde verändern unseren Weg.

Meine Stute Ratafia, genannt Tafi, war so ein Pferd.

Wenn ich heute darüber nachdenke, hat sie den Grundstein für meine gesamte Sicht auf Pferde gelegt. Nicht, weil sie besonders spektakuläre Dinge getan hätte. Nicht, weil sie einfach alles gemacht hätte, was ich von ihr wollte.

Ganz im Gegenteil.

Tafi war ein Pferd mit einem eigenen Kopf. Sie war unabhängig und traf ihre eigenen Entscheidungen.

Aber genau das war es, was mich so viel über Pferde gelehrt hat.

Ich musste lernen zuzuhören.

Das Pferd vor mir sehen

Früher dachte ich natürlich auch darüber nach, was man einem Pferd beibringen kann. Man lernt Übungen, man probiert Dinge aus, man möchte gemeinsam Fortschritte machen.

Aber Tafi zeigte mir irgendwann etwas, das meine Sichtweise veränderte.

Ein Pferd ist nicht einfach ein Wesen, das darauf wartet, dass wir ihm etwas beibringen.

Ein Pferd bringt bereits so viel mit.

Es hat eine Persönlichkeit.
Es hat eigene Gedanken.
Es hat Gefühle.
Es hat Entscheidungen.

Die Frage ist nicht nur:
"Wie bringe ich meinem Pferd etwas bei?"

Die viel wichtigere Frage ist:
"Wer steht eigentlich vor mir?"

Eine Lektion im Schulterherein

Eine Situation mit Tafi ist mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben.

Ich hatte in einem Buch über Seitengänge gelesen, über das Schulterherein und die vorbereitenden Übungen. Ich probierte diese Übungen mit ihr aus, ganz ohne Druck.

Irgendwann beendeten wir unsere gemeinsame Zeit und ich brachte sie wieder auf die Weide.

Ich setzte mich zu ihr und aß mein Brot.

Es war einer dieser einfachen Momente, die eigentlich gar nichts Besonderes zu sein scheinen – und doch bleiben sie im Herzen.

Als es Zeit war zu gehen, rief ich Tafi zu mir.

Und sie kam angetrabt.

Im perfekten Schulterherein.

Ich hatte nicht mehr daran gedacht. Ich hatte nicht weiter geübt. Ich hatte nichts eingefordert.

Und doch war etwas geblieben.

Für mich war es ein Moment, in dem ich spürte:

Dieses Pferd hört nicht nur auf meine Signale. Dieses Pferd nimmt wahr. Dieses Pferd denkt mit.

Das Geschenk einer Levade



Ein anderes Erlebnis hat sich noch tiefer in meine Erinnerung eingebrannt.

Ich spielte mit Tafi in der Halle. Wir machten nichts Bestimmtes. Wir bewegten uns einfach miteinander, hüpften herum und hatten Freude.

Plötzlich lief sie diagonal in eine Ecke und galoppierte auf mich zu.

Ich war überrascht.

Tafi war respektvoll, aber ich wusste nicht, was sie vorhatte. Also wartete ich ab.

Kurz vor mir stoppte sie.

Und dann zeigte sie zweimal hintereinander eine Levade.

Eine Figur, die ich immer bewundert hatte.

Eine Figur, die ich aber nie mit ihr trainiert hatte.

In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass sie mir etwas schenkte.

Nicht eine Übung.

Sondern eine Botschaft.

Sie zeigte mir:

"Ich bin nicht nur hier, um deine Wünsche auszuführen. Ich habe auch etwas zu geben."

Von da an dachte ich anders über Pferde.

Ich dachte nicht mehr:
"Ich muss meinem Pferd etwas beibringen."

Ich dachte:
"Ich darf lernen, mit diesem Wesen in Beziehung zu treten."

Meine Stute Ratafia hat mir gezeigt, dass ein freier Wille nichts ist, was man brechen muss. Er ist etwas, dem man mit Respekt begegnen darf.



Lisa Peters: pferd.24-hs.de

Donnerstag, 9. Juli 2026

Wenn Pferde sich entschuldigen – eine Lektion von Fjölvi, Chester und Nero




Momente, in denen man für einen Augenblick einen Einblick in eine Welt bekommt, die uns Menschen oft verborgen bleibt. Auch wenn ich diese Geschichten schon einmal erzählt habe, möchte ich das gerne noch einmal aufgreifen unter einem anderen Blickwinkel.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte in genau diesen Augenblicken eine Kamera in der Hand. Aber meistens ist es anders: Man steht einfach nur da, tief berührt von dem, was man gerade sieht.

So ging es mir mit Fjölvi und Chester.

Zwei junge Pferde, die Freunde fürs Leben wurden

Chester bekam damals einen Kumpel.

Er war erst vier oder fünf Jahre alt und musste nicht länger nur mit der alten Stute zusammenstehen. Er war voller Energie, verspielt und brauchte einen Freund, der mit ihm herumtoben konnte.

Fjölvi war erst seit knapp drei Monaten bei uns.

Von Anfang an waren die beiden unzertrennlich.

Sie standen zusammen, ruhten zusammen, lagen zusammen, fraßen zusammen, tranken zusammen, gingen gemeinsam zum Äppeln und natürlich spielten sie zusammen. Wenn einer ging, rief der andere ihm hinterher.

Es sah aus, als hätten sich zwei gefunden.

Und wenn sie auf dem Platz toben durften, dann waren sie besonders ausgelassen. Pferdespiel ist nicht immer sanft und vorsichtig, wie wir Menschen es vielleicht erwarten würden. Es ist wild, kraftvoll und manchmal ziemlich deftig.

Aber es ist auch Kommunikation.

Ein Unfall und ein außergewöhnliches Ritual

Eines Tages passierte es.

Fjölvi traf Chester nahe am Auge. Ob mit einem Biss oder einem Schlag, hatte ich nicht gesehen.

Chester quietschte auf und sprang buckelnd davon.

Nicht unbedingt vor Schmerz – sondern wohl eher aus Empörung darüber, dass Fjölvi sich so etwas erlaubt hatte.

Pferde sind Beutetiere. Die Natur hat ihnen nicht gegeben, vor Schmerz laut zu schreien und damit Raubtiere anzulocken. Wer das bezweifelt, sollte bedenken, dass selbst schwere Verletzungen wie ein gebrochenes Bein oder eine Kolik nicht automatisch zu einem Schmerzlaut führen.

Chester war also nicht „jammernd“ davongelaufen.

Er war beleidigt.

Und das kannte ich von ihm. Wenn Fjölvi einmal die Oberhand hatte, obwohl Chester als Chef der Herde eigentlich der Stärkere und Erfahrenere war, dann konnte Chester schon einmal quietschend und buckelnd davon stürmen.

Zufällig sah ich später, dass Chester tatsächlich eine kleine Verletzung hatte: eine winzige Hautabschürfung unterhalb des Auges. Nicht einmal Blut lief.

Ich hätte die Stelle behandeln können, aber es gab nichts, was behandelt werden musste.

Dann sah ich Fjölvi.

Er stand in der Mitte des Platzes.

Und plötzlich ging Chester langsam auf ihn zu.

Diesmal wich Fjölvi nicht zurück. Er begrüßte Chester sogar mit einem Hufscharren.

Chester blieb vor ihm stehen.

Und dann begann etwas, das ich vorher noch nie gesehen hatte.

Die Sprache der Pferde

Die beiden gähnten sich gegenseitig an.

Immer wieder.

Sie leckten sich über die Lippen, beschnupperten ihre Nasen.

Dann begann Fjölvi, Chester ganz vorsichtig mit seinen Nüstern zu berühren.

Chester erwiderte diese sanften Berührungen.

Und dann geschah etwas, das mich tief berührte:

Fjölvi begann, Chesters Wunde zu lecken.

Immer wieder leckte er über sein Gesicht.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon zugeschaut hatte. Ich stand einfach nur da und beobachtete diese beiden jungen Pferde.

Natürlich hatte ich in diesem Moment keine Kamera bereit.

Oder besser gesagt: Man denkt in solchen Augenblicken gar nicht daran.

Aber dann fiel mir ein, dass ich mein Handy dabei hatte.

Der intensivste Moment des Leckens war zwar schon vorbei, aber ihr gegenseitiges liebevolles Beknabbern dauerte noch an.

Und genau das sieht man auch im Youtubevideo, den Link dazu habe ich eingefügt:

Wer die beiden kennt, weiß, dass dieses Spiel normalerweise viel wilder aussieht.

Aber diesmal war etwas anders.

Es war, als würden sie sich gegenseitig versichern:

„Ich wollte dir nicht weh tun.“

„Ich weiß.“

„Wir sind trotzdem Freunde.“

Tiere haben eine Seele voller Zwischentöne

Wir Menschen müssen Tieren ein vielschichtiges Gefühlsleben zugestehen.

Nicht, indem wir ihnen menschliche Gedanken überstülpen.

Sondern indem wir anerkennen, dass sie Beziehungen leben, Gefühle zeigen und soziale Bindungen pflegen – auf ihre eigene Art.

Pferde können nicht mit Worten sagen, dass etwas ein Versehen war.

Aber sie haben andere Möglichkeiten.

Sie können Nähe suchen.

Sie können beruhigen.

Sie können wieder Verbindung herstellen.

Und manchmal können sie uns zeigen, wie wenig nachtragend und wie ehrlich Beziehungen sein können.

Einige Jahre später: Nero

Einige Jahre später kam Nero zu uns.

Er kam mit sechs Monaten direkt vom Schlachter in unsere kleine Herde.

Ein großes Schlitzohr.

Später wurde aus ihm ein 3,5-jähriger Noriker – ein beeindruckendes Pferd, groß, kräftig und schwer.

Aber gleichzeitig unglaublich klug, liebevoll und sensibel.

Auch Nero zeigte mir, wie fein die Kommunikation der Pferde ist.

Nach Tagen mit viel Regen waren die Böden aufgeweicht. Die Pferde standen aus verschiedenen Gründen jeweils zu zweit in großzügigen Unterständen mit Paddock und konnten den großen Trail und die Weiden gerade nicht gemeinsam nutzen.

Eines Tages passierte es:

Beim Abäppeln blieb die Gittertür zu Neros Auslauf nur angelehnt.

Nero bemerkte das sofort.

Er schob sie auf und marschierte direkt zum Eingang des Trails.

Dort wartete er.

Natürlich hatten Chester und Fjölvi nebenan längst bemerkt, was los war, und standen ebenfalls am Tor.

Ich konnte es nicht übers Herz bringen, sie alle wieder zurück zu schicken.

Nach den vielen Regentagen auf dem kleineren Paddock wollte ich ihnen die Freude gönnen.

Also öffnete ich das Tor.

Und dann explodierte die aufgestaute Energie.

Chester und Fjölvi galoppierten los. Den ganzen Trail entlang, auf die Weiden, wieder zurück, hin und her.

Sie hörten gar nicht mehr auf, sich zu freuen.

Und Nero?

Nero machte Bocksprünge, galoppierte hin und her und buckelte voller Lebensfreude.

Seine Ziehmama Tafi wurde natürlich ebenfalls angesteckt.

Zum Glück hielt der Boden und keines der Pferde rutschte aus.

Eine kleine Lektion von einem großen Pferd

Irgendwann wollte ich Ruhe hineinbringen.

Ich holte die Futterschüsseln – denn bei der kleinen Portion Mineralfutter werden schließlich alle wieder ganz vernünftig.

Als ich quer durch den Auslauf laufen wollte, kam Nero plötzlich um die Ecke galoppiert.

Ich sprang zur Seite.

Er drehte um und wollte wieder loslaufen.

Als er an mir vorbeikam, hob er sein Bein in meine Richtung.

Eine Drohung.

Ich weiß, dass Nero und jedes andere Pferd sehr genau treffen könnten, wenn sie es wirklich wollten.

Aber in diesem Moment machte es mich wütend.

Ich war selbst angespannt. Ich wollte die Situation kontrollieren und Ruhe schaffen – und natürlich hilft eigene Aufregung dabei nicht gerade.

Nachdem alle wieder zufrieden fraßen und alle Tore geschlossen waren, blieb ich trotzdem innerlich angespannt.

Ich lehnte mich an den Zaun und dachte darüber nach.

War das wirklich ernst gemeint gewesen?

Oder hatte Nero mein Herumspringen vielleicht als Spielaufforderung verstanden?

Denn Pferde unterscheiden sehr genau zwischen Ernst und Spiel. Und er hätte mich treffen können, wenn er wirklich gewollt hätte.

Während ich noch darüber nachdachte, kam dieses große Pferd plötzlich zu mir.

Meine Wuchtbrumme.

Mein kleines Mammutbaby.

Er gähnte mich an.

Und dann leckte er mir die Hände.

Ich kenne dieses Verhalten aus der Pferdeherde.

Wenn ein Pferd ein anderes versehentlich getroffen hat, wenn eine Situation zu heftig geworden ist, dann gehen sie oft wieder aufeinander zu. Sie gähnen, lecken, suchen Kontakt. Genau wie Fjölvi und Chester ein paar Jahre zuvor.

Eine Botschaft ohne Worte:

„Es war nicht böse gemeint.“

„Wir sind wieder gut.“

Und in diesem Moment löste sich meine ganze Wut auf.

Nero erinnerte mich daran, dass auch wir Menschen manchmal einen Moment brauchen, um wieder zuzuhören.

Eine Herde ist mehr als eine Gruppe von Pferden

Je länger ich Pferde beobachte, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir ihre sozialen Beziehungen oft unterschätzen.

Eine Herde ist für mich weit mehr als eine Ansammlung einzelner Pferde.

Sie ist ein soziales Gefüge.

Jedes Pferd ist ein Individuum.

Jedes übernimmt seine Rolle.

Es gibt enge Freundschaften, gegenseitige Rücksichtnahme, kleine Konflikte, gemeinsames Spiel und immer wieder Momente, in denen Beziehungen gefestigt werden.

Das bedeutet nicht, dass in einer Herde ständig Harmonie herrscht.

Im Gegenteil.

Gerade weil Spannungen ganz normal sind, braucht es offenbar auch Möglichkeiten, sie wieder aufzulösen.

Vielleicht gehören genau solche kleinen Gesten dazu.


Was wir heute oft nicht mehr sehen

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil viele unserer Hauspferde gar nicht mehr die Möglichkeit haben, über Jahre in stabilen sozialen Gruppen zu leben.

Beziehungen entstehen dort unter ganz anderen Bedingungen.

Gruppen werden verändert.

Pferde werden getrennt.

Manche verbringen einen großen Teil ihres Lebens allein in einer Box und haben nur begrenzten Kontakt zu Artgenossen.

Umso wertvoller erscheinen mir die Momente, in denen wir Pferde in einem gewachsenen Herdenverband beobachten können.

Dort zeigen sie uns oft Dinge, die wir kaum wahrnehmen würden, wenn wir nur auf einzelne Verhaltensweisen achten.


Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Sprache der Pferde

Vielleicht besteht Pferdesprache nicht nur aus Ohrenstellung, Schweifhaltung oder Mimik.

Vielleicht zeigt sie sich auch in den kleinen Gesten, mit denen Beziehungen gepflegt werden.

Nicht weil wir genau wissen, was sie bedeuten.

Sondern weil wir erleben dürfen, was sie bewirken.

Nero und Fjölvi haben mich gelehrt, genauer hinzusehen.

Nicht nach schnellen Antworten zu suchen.

Sondern Zusammenhänge wahrzunehmen.

Denn manchmal erzählt nicht eine einzelne Geste die Geschichte.

Sondern die Beziehung, in der sie entsteht.

Meine kleine Familie

Nero hat inzwischen eine eigene Herde gefunden.

Für mich wurde er einfach zu groß und zu schwer um ihn richtig Pflegen zu können.

Chester, der kleine wilde Spielkamerad von damals, hat ihn gut erzogen. Heute ist Nero selbst ein souveräner Chef einer zwölfköpfigen Herde.

Die alte Stute ist leider inzwischen nicht mehr bei uns.

Chester und Fjölvi sind nun wieder allein.

Aber sie sind meine kleine Familie.

Die Pferde, mit denen ich mein Leben teile.

Und ich möchte diese Momente nie vergessen, in denen sie mir zeigen:

Manchmal müssen wir Menschen nicht lehren.

Manchmal sind wir diejenigen, die lernen dürfen.


Lisa Peters: pferd.24-hs.de

Sonntag, 28. Juni 2026

„Du bekommst ihn. Er liebt dich.“ – Ein Satz, der ein großes Missverständnis über Pferde zeigt



Fjölvi – heute 21 Jahre alt. Ein Tarpan, der mir gezeigt hat, dass Kooperation nicht aus Liebe entsteht, sondern aus Verständnis und Vertrauen.


Als ich Fjölvi zum ersten Mal sah, war er etwa elf Jahre alt.

Er sollte als Gesellschafter für meinen Chester zu uns kommen. Bis dahin lebte er in einer Reitschule und war dort als Schulpferd ausgebildet worden. Doch für den täglichen Betrieb mit ständig wechselnden Reitschülern war er nicht geeignet.

Als ich ihn kennenlernte, fiel mir sofort sein Zustand auf. Wegen seines Sommerekzems hatte er kaum noch Mähne, die Schweifrübe war kahl und sein Fell sprach Bände.

Ich bat ihn um ein paar einfache Dinge. Unter anderem trabte er auf mein Zeichen an. Nichts Besonderes – und doch etwas, das die Reitlehrerin überraschte.

Sie schaute mich an und sagte:

"Du bekommst ihn. Er liebt dich."

Ich musste lächeln.

"Wie sollte er mich nach zehn Minuten lieben?"

Sie erklärte, dass er sich anderen Menschen gegenüber oft ganz anders verhalte und nicht immer tue, worum man ihn bitte.

Damals wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir dieselbe Situation interpretierten.

Sie glaubte, Fjölvi hätte sich für mich entschieden, weil er mich mochte.

Ich sah etwas anderes.

Ich hatte den Eindruck, dass er einfach erleichtert war, endlich einem Menschen zu begegnen, dessen Körpersprache für ihn verständlich war.

Das ist ein großer Unterschied.

Viele ursprüngliche Pferderassen und Wildpferderückzüchtungen wie Tarpane, Koniks oder Dülmener bringen noch sehr viel Eigenständigkeit mit. Sie folgen nicht automatisch jedem Menschen. Sie prüfen, beobachten und entscheiden.

Manche bezeichnen sie deshalb als stur oder schwierig.

Ich sehe das anders.

Sie folgen nicht blind. Sie folgen dann, wenn sie einen Sinn erkennen und Vertrauen fassen.

Genau das machte Fjölvi zu einem wunderbaren Lehrmeister.

Er wurde später eines der beliebtesten Pferde meiner Reitschüler.

Er verweigerte nie.

Aber nicht, weil er ein Pferd war, das einfach alles mit sich machen ließ.

Er achtete auf mich. Er vertraute mir. Und dieses Vertrauen schenkte er auch den Kindern, wenn sie es sich in seinem Tempo erarbeitet hatten.

Unsicherheit dagegen konnte er nicht einfach übergehen.

Es gab Kinder und auch Erwachsene, die ihn von Herzen liebten. Trotzdem arbeitete er mit ihnen nicht selbstverständlich zusammen.

Nicht aus Bosheit.

Sondern weil ihre Unsicherheit für ihn keinen klaren Weg vorgab.

Ein ursprüngliches Pferd kann einer unklaren Führung kaum folgen. Das wäre aus seiner Sicht nicht natürlich.

Heute ist Fjölvi einundzwanzig Jahre alt.

Seit rund zehn Jahren lebt er bei uns.

Er wird inzwischen nicht mehr geritten und genießt seine Zeit mit seinem Kumpel Chester. Seine Offenheit verschenkt er bis heute nicht an jeden sofort. Erst beobachtet er. Dann entscheidet er.

Und genau das liebe ich an ihm.

Übrigens verschwand sein Sommerekzem schon relativ kurze Zeit, nachdem er bei uns eingezogen war. Seine Mähne wuchs wieder nach und auch sein Schweif erholte sich. Ob es allein an der Haltung lag, kann ich natürlich nicht sicher sagen. Ich habe jedoch oft den Eindruck, dass Wohlbefinden und Stress auch einen Einfluss auf die Gesundheit eines Pferdes haben können.

Fjölvi hat mir in all den Jahren etwas Wichtiges beigebracht:

Wir verwechseln die Kooperation eines Pferdes viel zu oft mit Liebe.

Dabei wünschen sich viele Pferde vor allem eines:

Verstanden zu werden.

Und manchmal reicht genau das aus, damit sie uns etwas schenken, das viel tiefer geht als bloßer Gehorsam – ihr Vertrauen.

Oft verändert sich das Pferd, wenn sich die Kommunikation verändert. Wenn du dir auf diesem Weg Unterstützung wünschst, begleite ich dich gerne – 

vor Ort oder auch online, ich freue mich über deine Nachricht. 
Die Erfahrungen anderer Pferdehalter mit meiner Arbeit findest du in meinen Bewertungen.

Hier noch ein paar Bilder, über meinen kleinen großen Schatz Fjölvi:

 
 










Lisa Peters: pferd.24-hs.de

Dienstag, 10. Januar 2023

Pferd gekauft und schon gibt es Probleme?


Ein Traum ist für uns wahr geworden und wir haben uns ein eigenes Pferd gekauft. Natürlich wollen wir nur das Beste für das Pferd. Wir freuen uns ja, dass es da ist und wollen ihm nur Gutes tun, haben auch einen guten Stall für es ausgesucht. Natürlich erwarten wir auch dafür, dass es brav ist und gut mitarbeitet. Wir können es ja auch kaum erwarten, dass es los geht, wir haben schon viel zu lange darauf gewartet. Aber nun funktioniert es nicht so, wie es soll?
Als wir es uns angesehen haben, sah das Bild ganz anders aus. Es war lieb und hat auch wunderbar funktioniert beim Probereiten. Was ist da jetzt plötzlich los?

Um nun eine Lösung zu finden, sollten wir das Problem mal aus der Sicht des Pferdes betrachten. Es wurde aus seinem bisherigen Leben gerissen, egal wie schön oder schlecht das gewesen sein mag. Es war sein Leben. Seine vertrauten Stallgesellen, eventuell ein lieber Pferdekumpel, ein besonderer Freund oder eine besondere Freundin. Das hat ihm bisher Sicherheit gegeben um zu überleben. Die Grundbedürfnisse des Pferdes sind Futter, Wasser, Sozialkontakte und eine sichere Umgebung. Eventuell auch ein Mensch, den es gewohnt war und dessen Routinen ihm Sicherheit gaben.

Unser neues Pferd ist nun von all dem weg gerissen worden. Das hat es sich nicht freiwillig ausgesucht, es ist also erstmal nicht gerne von dort weg. Es spielt dabei erstmal keine Rolle, wie gut oder schlecht es vorher behandelt worden ist. Es weiß auch nicht, was auf es zukommen wird. Also ist es erstmal total verunsichert. 
Mußte es bisher einfach nur funktionieren, kann es sich keine Vorstellung davon machen, dass es ab jetzt anders sein könnte. Wurde es gut behandelt, versteht es erst recht nicht, warum es plötzlich die gewohnte sichere Umgebung verlassen musste, die für sein Überleben ja elementar  wichtig ist.

Es ist fremd in einer fremden Umgebung und muss nun sehen, wie es zurecht kommt. Vielleicht hat es Glück und bekommt eine schonende Eingewöhnung, vielleicht sogar in einer kleinen Herde und nicht in einer Box. Auch da muss es erstmal seinen Platz in der ganzen Rangordnung finden. Vielleicht hat es auch noch mehr Glück und kann die neue Herde erstmal aus einer sicheren Distanz kennen lernen und muss sich nicht sofort damit auseinander setzen.

Es ist aufgewühlt, vor der ungewissen Zukunft, hat erstmal Angst im fremden Stall und muss sich nun erstmal gegen die anderen Pferde durchsetzen oder sich mit ihnen arrangieren. Diese wollen ja erstmal nichts mit einem fremden Eindringling in der bestehenden Herde zu tun haben Es muss sich vielleicht auch um sein Futter sorgen. Dann sind auch fremde Menschen da, die es noch nicht kennt und die es verstehen lernen muss. Vielleicht hat es auch dabei Glück und wir können unserem neuen Pferd anhand einer klaren Körpersprache gut vermitteln was wir von ihm wünschen. Dann kann es sich unserer klaren Führung gut anschließen und sich entspannen. 

Aber vielleicht läuft es nicht so entspannt in der neuen Umgebung? Mit den anderen Pferden? Den anderen Stallbedingungen und neuen Menschen? Im fehlt ja zuallererst mal Sicherheit. Wenn es die nicht findet, wird es erst mal alles aus dem Ruder laufen. Vielleicht hat das Pferd auch gesundheitliche Probleme, die man auf den ersten Blick nicht sehen kann und der Vorbesitzer verschwiegen hat? 

Was kann ich jetzt als Mensch tun? 
Wenn alle gesundheitlichen Probleme abgestellt sind, gutes Futter, darf es auch ohne Stress fressen? Hat es ausreichend Mineralien, das kann im Blutbild festgestellt werden, chiropraktische Untersuchung, da schaut man mal auf die offensichtlichen Dinge. Ist das Pferd zu dünn, musste es hungern, hat es Magenprobleme, ist es zu dick und hat Gelenkprobleme, sind die Zähne in Ordnung, Hufe in Ordnung? Kann es gut sehen? Hat es Gebäudefehler, die letzendlich zusammen mit unserer Konstellation zu Problemen führen? Passt sein Sattelzeug wirklich? In welchen Situationen treten Probleme auf, schon von daher lassen sich etliche Rückschlüsse ziehen. Man muss bei extremen Problemen auch in Betracht ziehen, dass ein Pferd für die Besichtigung ruhig gestellt wurde.

Ich sollte auf jeden Fall dem Pferd gut vermitteln können, dass ich eine klare Führung bieten kann und es sich bei mir sicher fühlen kann. In den wenigsten Fällen ist dies leider so, weil wir ja immer noch Menschen sind, die zum größten Teil eben noch ein anderes Leben haben, weit weg von Pferden. Der Anteil an "Pferdezeit" ist meist ein sehr kleiner, verglichen mit der restlichen Zeit unseres Lebens. Deswegen haben wir auch meist nicht die Übung darin, die Führung einer Herde zu übernehmen, mit allen Pflichten und Privilegien, die das so mit sich bringt. Wir haben uns ja deswegen auch ein ausgebildetes Pferd gekauft, von dem wir annehmen wollten, dass es problemlos zu uns passt.

Unser Pferd sieht uns aber nun auch als Teil seiner neuen Herde. Abgesehen von seinen Stallkumpels, die ja auch dazu gehören. Es muss nun seinen neuen Platz in der Hirarchie finden. Bei den Pferden und den Menschen. Wir sollten ihm dafür genügend Zeit geben und nicht gleich von Anfang an von ihm verlangen, wie gewohnt zu funktionieren. Das kann beim einen kürzere Zeit dauern, beim anderen länger. Ich rede hier von Wochen bis Monate falls es ungünstig läuft. Es kann auch sein, ein Pferd gewöhnt sich nie an eine neue Konstellation.

Falls wir also nicht die absoluten Pferdekenner sind, ist es hilfreich, wenn wir einen kompetenten Trainer dazu holen, der uns unterstützen kann darin, eine gute und vertrauensvolle Beziehung zu unserem Pferd aufzubauen. Es gibt keine pausschalen Lösungen oder Ratschläge, die man anwenden könnte. Dazu sind Pferde und Menschen und die Ursachen der Probleme doch zu unterschiedlich. Ein Trost sollte uns sein: meist lassen sich Probleme relativ schnell lösen, wenn wir die Bedürfnisse unserer Pferde erkennen und sie zufrieden stellen.

Ein Verlaßpferd kann man sich normalerweise nicht kaufen, das muss man sich erarbeiten. Die Anlagen dazu kann ein Pferd haben. Zum Vorschein bringen müssen wir es selber mit Zuverlässigkeit, Vertrauen und fairer Behandlung. Dann bekommen wir all das zurück. Dafür sollte sich die Mühe ja auch lohnen.

Ich möchte gern ein Beispiel erzählen. Eines Tages kam ein neues Pferd an unseren Stall, in seinem ehemaligen Zuhause hatte man keine Verwendung mehr für es. Es kam zu einer relativ unerfahrenen, aber sehr liebevollen Pferdefrau. Ich durfte die beiden unterstützen im Prozess der Eingewöhnung und des gemeinsamen Lernens.
Der Wallach bekam einen eigenen Bereich im Pferdeauslauf, damit er und die anderen Pferde sich gesichert erstmal beschnuppern und kennen lernen durften. Nach und nach durfte er immer ein Pferd mehr kennen lernen, bis er dann mit der ganzen Herde vergesellschaftet war und seinen Platz in der Herde gefunden hatte.

Er war auf herkömmliche Art ausgebildet, das heißt ihm wurden Signale vermittelt, die er verstehen und ausführen sollte, was er auch brav machte. Normalerweise wird herkömmlich aber auch mit Druck gearbeitet, das heißt, wenn ein Pferd nicht ausführt, was verlangt wird, wird Druck aufgebaut oder auch gestraft. Er reagierte sehr ängstlich auf den Anblick einer Peitsche und versuchte sogar weg zu rennen.

Da ich mit Pferden ohne Strafe arbeite und auch seine neue Menschin das so machen wollte, zeigten wir ihm, dass er nicht mehr gestraft werden würde und die Peitsche nicht dazu da ist geschlagen zu werden. Er hat dann so manches mal nicht mehr gewußt, dass er trotzdem nicht alles machen darf, sondern dass es Regeln bei uns gibt. Das heißt, wir bitten ihn etwas zu machen, zeigen auch mit Hilfe einer Art Gerte oder einem verlängerten Arm, was wir möchten, wollen damit aber keine Angst machen, sondern nur verständlich machen, was wir vorschlagen.

Er durfte nun auch am langen und lockeren Strick mit uns gehen, ohne fest gehalten zu werden.  
Falls er sich entschlossen hatte mitzumachen, bekam er eine Belohnung. Das war nun etwas Neues und er musste lernen, dass man Belohnungen auch nicht einfordern darf, sondern anständig sein und man bekommt die Belohnung auch erst nach einem Belohnungston/Signal. 

So fand er nach und nach viel Gefallen am Mitmachen und Mensch und Pferd konnten eine wunderbare, vertrauensvolle Beziehung aufbauen. Dieser Prozess hat bei ihm ca. 2 Wochen gedauert. Dann wurde er ein verlässlicher Partner für seine Reiterin, die in dieser Zeit auch lernte, sich mit Körpersprache bei ihm verständlich zu machen. Er wurde ein sehr entspanntes und sicheres Pferd für Groß und Klein.

Ein paar Geschichten zu Vertrauensaufbau und dem richtigen Umgang mit dem Pferd, sowie ein gutes Buch zum Geheimnis der Pferdesprache sind auch hier zu finden: 
https://a-m-elisabeth-peters.blogspot.com/search/label/Vertrauensaufbau 


Lisa Peters: pferd.24-hs.de


Sonntag, 8. Januar 2023

Chester und Fjölvi auf dem Matschpaddock


Chester und Fjölvi bewegen sich gern auf dem Matschpaddock. Sie haben einen großen Unterstand, einen befestigten Paddock und können von dort aus morgens auf den Matschpaddock laufen. Nachts bleiben sie im inneren Bereich mit den festen Paddockbegrenzungen. Sie genießen die Zeit auf der erweiterten Fläche sehr, wälzen sich gern im Matsch und spielen dort, oder geben auch mal richtig Gas, wenn sie rennen möchten. Am äußeren Ende des Matschauslaufes wird dann gern ihr Bereich von ihnen markiert, damit Fremde gleich merken würden, dass sie ein bewohntes Gebiet betreten und würden eventuell auch erstmal verjagt werden. Ganz am Ende des Auslaufes füttere ich tagsüber auch etwas Heu, denn die ständig gefüllten Heuraufen befinden sich nur im innneren Bereich. Hier draußen machen sie meistens ein paar Fresspausen, während sie spielen oder Ausschau halten, ob sie etwas Interessantes sehen könnten. Andere Pferde, die vorbei laufen z. B. Die beiden sind richtig gute Freunde. Deswegen ist es Chester auch egal, ob sich Fjölvi zuerst genüßlich wälzt. Er passt solange auf ihn auf. Dann will er sich aber auch wälzen, er muss nicht über Fjölvis Wälzplatz wälzen, die Rangfolge der beiden ist ganz klar für beide. Am Abend bekommen die beiden ihr leckeres Zusatzfutter, Mineralien und Äpfel oder Möhren als Vitamingabe. Dazu kommen sie gern wieder in ihren Stall, denn auch hier haben sie noch freie Sicht über ihr Gelände und können in der Nacht wieder in Ruhe am Heu fressen. Am nächsten Morgen dürfen sie ja wieder ihren Bereich erkunden, am Rand frisches Gras suchen oder mal das ein oder andere Leckerchen finden. Nur wenn es sehr nass ist und die Rutschgefahr zu groß, müssen sie für diese Zeit mal im geschützen Bereich bleiben. Im Sommer steht dafür wieder das ganze Gelände offen, auch die schönen saftigen Weiden und der Trail rundherum. Damit die aber nicht zertrampelt werden, müssen die beiden warten, bis die Erde wieder fest geworden ist. Dann wird ihr Bereich Stück für Stück erweitert, damit sich ihr Stoffwechsel wieder gut auf das veränderte Futterangebot einstellen kann.

Lisa Peters: pferd.24-hs.de

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Meine Pferdefamilie




 


Die Pferde Chester und Fjölvi gehören zu meiner Familie. Sie sind nicht nur einfach Pferde, die bei uns leben, sie leben mit uns direkt am Haus. Jeden Tag kann ich guten Morgen sagen, versorge sie, schaue wie es ihnen tagsüber geht und sagen ihnen abends gute Nacht.

Wir kommunizieren meist lautlos, aber dennoch begrüßt mich Chester der Herdenchef jedes mal, wenn ich komme mit einem liebevollen Grummeln, was mir das Gefühl gibt, dass ich willkommen bin in der Herde und auch ich spreche natürlich mit ihnen. Sie leben so nah bei mir, damit ich sie so versorgen kann, wie es den verschiedenen Bedürfnissen meiner Tier-Familie auch entspricht.

Vor ein paar Wochen hatte ich auch Corona bekommen. Ich kann mich garnicht daran erinnern, dass es mir vorher mal so schlecht ging. Es ging zwar stetig bergauf nach einem einzigen schlimmen Tag, aber das Gefühl nicht richtig gesund zu sein hat mich sehr frustriert. Zum Glück hatte ich liebe Menschen um mich herum, die mich und auch meine Tiere versorgt haben.

Natürlich wollte ich dann auch wieder wenigstens etwas für die Tiere da sein und hab mich so nach und nach wieder zu ihnen geschleppt um zumindest ein paar Dinge zu machen. Ein wenig Heu füttern zum Beispiel, wieder einen Teil des Tagesablaufes mitzugestalten, mit meiner "Herde" etwas zu machen.

Ich brachte also zwei Äpfel und eine volle Tasche voll Heu in den Stall, worauf sich meine beiden wie immer sehr gefreut haben. Es war so schön, wie sie gleich angefangen haben zu Fressen und sich die besten Halme vom Heu schmecken ließen. Ich stand ein Stück abseits und hab sie mit Freude dabei beobachtet. Mir wurde in diesem Moment allerdings bewußt, wie übel und schwach ich mich eigentlich noch fühlte.

Ich sprach es laut aus, indem ich den beiden sagte, dass ich mich einfach noch nicht gut fühle. Chester drehte sich zu mir um, schaute mich an, hörte wieder auf zu Fressen und kam auf mich zu. Ganz sanft hat er an meiner Hand geknabbert, wie um zu sagen: du bist nicht allein, ich kümmere mich auch um dich. Er gab mir einen leichten Schubs Richtung Eingang und wollte, dass ich ihm nach draußen folge. 

Er blieb mit mir am Eingang stehen, schaute auf die große Weide und ich hatte das Gefühl, er wollte mir zeigen, dass es so schön da draußen ist und er gern mit mir da raus gehen wollte, damit es mir wieder besser geht. Ich hab ihm dann gesagt, dass wir jetzt noch nicht raus gehen können, dass ich mich nicht so gut fühle und dann standen wir einfach eine Weile draußen auf dem Paddock und schauten gemeinsam in die Weite.

Er hat mir in diesem Moment so viel Trost gegeben und auch jetzt noch, wenn ich daran denke, fühle ich so viel Liebe von ihm. So macht man das in einer Herde, wenn es einem Mitglied nicht gut geht, kümmert man sich um es. Ich habe mich bei ihm bedankt, dass er sich um mich gesorgt hat und habe mich dann wieder von ihm verabschiedet, damit er weiter Fressen gehen kann. Auch ich habe mich wieder ausgeruht.

Jetzt gehe ich jeden Tag mit einem ganz glücklichen Gefühl zu meiner Herde und freue mich noch mehr darüber, sie so nah bei mir zu haben. Wir hatten immer schon ein besonderes Verhältnis zueinander, aber jetzt scheint es mir noch enger und vertrauter zu sein.

Lisa Peters: pferd.24-hs.de





Sonntag, 25. September 2022

Über Vertrauen gewinnen, Kommunikation und Führungsqualitäten dem Pferd gegenüber.


Folgende Situation:  
Die Stute und ihre Tochter, beide kleben seit Geburt aneinander, eine möchte nicht ohne die andere bleiben. Sie stehen mit einem Wallach zusammen in einem kleinen Wiesenauslauf.

Ich betrete den Bereich, einen kurzen Moment später kann ich sie ohne zu zappeln ruhig aufhalftern, sie folgt meinen Bewegungen freiwillig am lockeren Seil, von ihrer rufenden Mutter und der Herde weg, geht sie mit mir entspannt spazieren, weil sie mir vertraut.

 Was ist geschehen? Voran gegangen ist ein winziger Augenblick, in dem ich ihr gezeigt habe, dass sie mir wichtig ist und ich ab jetzt ihren Weg bestimmen möchte. Doch wie habe ich das geschafft?

Wahrscheinlich wie jeder Hengst eine Stute für sich gewinnt, in dem er sie absondert und weg treibt und ihre Richtung bestimmt. Es brauchte für mich nur einen winzigen Augenblick, ich habe ihr den Weg zur Mutter mit meiner Bewegung abgeschnitten und sie gestoppt. Sie hat mich sofort verstanden, weil ich in diesem Moment nicht menschlich gehandelt habe, sondern das gemacht habe, was auch ein anderes Pferd gemacht hätte um mit ihr zu kommunizieren und ihr zu zeigen, was es von ihr möchte.

Andere Situation:
Der junge Hengst will sich nicht führen lassen, zieht weg, ist schwer zu händeln.

Ich gehe zum ihm in die Halle, dort läuft er frei, ich bestimme nun seine Laufrichtung und Geschwindigkeit, stoppe ihn und lasse ihn in die andere Richtung laufen, stoppe ihn wieder, gehe auf ihn zu, nehme ihn an das Halfter und er folgt mir brav mit entspannt gesenktem Kopf am lockeren Seil im Abstand hinaus aus der Halle. Er lässt sich lieb zum Stall führen, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe, geht weiter wenn ich mich weiter bewege.

Sind das Zufälle? Nein. Beide Pferde waren psychisch und physisch ganz gesund, lebten in einer artgerechten Haltung, hatten noch nichts Schlimmes in ihrem kurzen Leben erlebt und haben einfach auf die Kommuniktion mit Körpersprache reagiert, weil sie die sofort verstanden haben.

Noch eine Situation:
Der junge Wallach Chester, 2-3 jährig frisch von der Fohlenaufzucht auf der Alm gekommen, gerade erst genesen von einem Kieferbruch, spürt seine Kräfte zurück kommen. Er ist sehr dominant, fühlt sich immer besser und möchte nun seine Möglichkeiten austesten, die er so lange nicht ausleben konnte.

 In seiner Bewegungsfreiheit jetzt begrenzt, in einem Offenstall mit anderen Wallachen zusammen ist er froh, dass sein Mensch ihn immer wieder heraus holt um mit ihm zu spielen.  Naturgemäß möchte er seine Kräfte messen, will die Richtung bestimmen, in dem er seinen Menschen mit zieht, steigt den Menschen an und rennt los wann er möchte.

In den geschützten Bereich der Reithalle geführt und los gelassen, kann er sich kurz austoben und seine Freiheit genießen. Er möchte den Bereich für sich markieren und sich dann gern wälzen, aber ich lasse ihn nicht, treibe ihn weg und statt dessen wälze ich mich an dem Platz, den er ausgesucht hatte. (Dazu scharre ich kurz mit dem Fuß, hocke ich mich hin und bewege mich hin und her, stehe auf, scharre wieder mit dem Fuß und pruste ziemlich zufrieden ab.) Erst dann darf er sich wälzen. Seinen Schweif trägt er nun nicht mehr ganz so hoch, sein Kopf sieht nun entspannter aus und er steht ruhig da wir können etwas pflegen und streicheln. Ich genieße den Moment der Harmonie.

Unser nächster Tag läuft ähnlich ab. Er betritt mit mir die Halle, ich wälze mich zuerst und er wälzt nicht, sondern hat einen neuen Plan ausgeheckt. Er äppelt um seinen Bereich zu markieren. Ich bin vorbereitet, ich gehe zu seinem Haufen, markiere mit einem Papiertaschentuch, dass ich dicht am Körper getragen habe und lege es über den Haufen. Er sieht mir zu dabei. Dann geht er hin schnuppert und schwupps ist das Papiertuch in seinem Maul verschwunden. 
Ich lege Nachschub drauf und lasse ihn nicht mehr hin. Da äppelt er wieder, ich hab auch noch Tücher, die ich drauf lege und das wiederholt sich gesamt 5 mal. Sein Pulver scheint verschossen, bzw er kann nicht mehr und sein Kopf senkt sich zufrieden, er kaut und schlendert herum. Ich habe ihm ein weiteres Mal gezeigt, dass ich genauso gut markieren kann wie er, aber letztendlich mehr Möglichkeiten einstecken habe.  

Ein anderes mal will er mich einkreisen, ich schicke ihn gerade aus. Dann bestimme ich seine Gangart, oder stoppe und wende ihn. Oder lasse ihn anhalten. Wieder zeigt sich, dass auch er versteht, was ich von ihm möchte. Ich möchte nur, dass er mir folgt, weil ich unser Territorium besser markieren kann, seine Richtung bestimmen kann und ihn auch stoppen kann, das heißt auf pferdisch: ich übernehme die Herdenführung. Alle weiteren Probleme haben sich damit in Luft aufgelöst. Kein Ansteigen mehr, denn man steigt seinen Chef nicht an, kein losreißen mehr, denn man folgt brav dem Chef, kein anrempeln mehr, weil das dem Chef gegenüber respektlos wäre.

Trotzdem darf er jetzt respektvoll darum bitten, zum Gras gehen zu dürfen um zu fressen indem er einfach dorthin schaut, er darf darum bitten, eine bestimmte Richtung beim Spaziergang einschlagen zu dürfen und er darf darum bitten näher kommen zu dürfen um gekrault zu werden, alles nur mit einer Andeutung von seinen Blicken. Respektvoll und ohne Druck. Er muss trotzdem respektieren, dass ich letztendlich diejenige bin, die jede Handlung erlaubt oder verbietet, beginnt oder beendet. Nur so kann er sich auf meine Führung verlassen und mir vertrauen, dass ich auch für seine Sicherheit sorge.

Bei ihm hat es eine Weile gebraucht um jetzt ein zuverlässiges, respektvolles Pferd zu werden, das von jedem Kind geführt werden kann, solange ich daneben laufe. Denn er hört auf meine Stimme, egal wie weit ich weg bin. Von überall, auch vom Spielen mit Kumpels lässt er sich nun abrufen. Auch wenn es mit ihm ein längerer Weg war, es hat sich gelohnt. Er war mein erster schwieriger Fall, aber mit ihm durfte auch ich ganz viel lernen.

Ich benutze in ausgewählten Sequenzen außer der Körpersprache und dem Stimm-Lob manchmal Futterbelohnung, aber nur nach einem Belohnungston oder Clickersignal. Druck oder Verstärkung von Druck wird manchmal auch als Impuls von mir verwendet, zum Beispiel um von einem aufdringlichen Pferd Abstand zu mir zu fordern. Das geschiet so, dass ich den Druck nicht Richtung Pferd schicke, sondern bei mir selber einen Raum schaffe, in dem ich vielleicht vor mir mit der Peitsche fuchtele, schwer zu beschreiben. Wenn das Pferd dann näher kommt, würde es in die wedelnde Peitsche laufen, aber nicht, weil ich sie dem Pferd drauf schlage, sondern weil das Pferd zu nahe kommt und rein läuft, ich kann es nicht anders beschreiben. 

Oder ich werfe ein Seil, um den Raum zu markieren, den ich beanspruche, falls es das Pferd zufällig trifft, weil es hinein läuft ist es auch nur ein Berühren, kein Schlag, kein Schmerz. Das Pferd versteht das auch nicht als Zurechtweisung dann, sondern als das Einfordern meines Raumes. 
Eine Peitsche wird von mir nur als verlängerter Arm, Zeiger oder Signalgeber benutzt. Daher können meine Pferde entspannt bei mir sein und reagieren nicht gestresst oder ängstlich. Das genügt vollkommen, denn Pferde haben die Tendenz freiwillig mit zu machen und dem Ranghöheren zu folgen, wenn sie vertrauen oder sogar belohnt werden. Das Einfordern von Futterlob kommt bei mir nicht vor, weil nur ich bestimme, wann es Futter gibt und niemals ohne Belohnungston Futter aus der Hand gebe, sofern sich das Pferd ruhig abwartend verhält. Bei einem Pferd wie Chester konnte ich anfangs nicht mit Futterlob arbeiten, weil er da zu hektisch wurde. Das kam bei ihm dann erst 2 Jahre später.

Ich wünsche mir, dass viele Menschen ihre Pferde besser verstehen, besser mit ihnen kommunizieren können und Probleme garnicht erst entstehen, oder sich wieder auflösen. Es ist so einfach, wenn man weiß wie. Dazu möchte ich ein paar Informationen bereit stellen, damit man sich selber weiter bilden kann und eine ganz neue Art der Beziehung zu seinem Pferd aufbauen kann.

Pferde sind sehr sensible Tiere. Sie erfassen unsere feinsten Bewegungen und manchmal auch die Empfindungen, die wir garnicht ausdrücken wollen. Manchmal werden Sie so behandelt, als ob sie nichts empfinden. Die Pferde können zwar wiehern, so wie Hunde bellen, aber ein Schmerzlaut wie das Jaulen des Hundes, ist ihnen von Natur aus nicht gegeben. 

Sie sind Fluchttiere und würden bei Verletzung gefährliches Raubwild anlocken. Und so leiden oft unsere "Besten Freunde" stumm und ertragen alles, was der "Mensch" im abverlangt, dem sie sich gehorsam unterordnen. Nur manchmal und auch nur, wenn es unerträglich für sie geworden ist, wehren sie sich, dann werden sie abgestempelt als Verbrecher.

Doch es gibt andere Wege, eine Kommunikation mit unseren geliebten Freizeitkameraden aufzubauen. Im Sattel, bei der sogenannten Bodenarbeit und auch der feinen, energetischen Kommunikation. Hier ein besonders wertvolles Buch 

über Das Geheimnis der Pferdesprache von Gertrud Pysall.

Hier ist ein toller Film darüber zu sehen, welches Verhältnis der Mensch zum Pferd aufbauen kann, wenn er Gefühle sprechen lässt:
youtube.de Der Weg des Pferdes - Dokumentarfilm - Deutsch Untertitel

Pferde besser verstehen, sehen Sie hier einige Beispiele als Filme:
Sie werden weiter geleitet zu youtube oder verschiedenen Websiten.
Ich möchte darum bitten, die vorgestellten Menschen und ihre Methoden, Artikel oder Filme selber kritisch zu betrachten. Auch Methoden, die sanft aussehen und eine tolle Verbindung von Mensch und Pferd zeigen, können in manchen Teilen noch hart und zwingend in der Ausbildung sein. Mein Anliegen bei der Vorstellung verschiedener Webseiten, Filme oder Texte hier ist, dass Menschen anfangen können, sich selber über den Umgang mit Pferden Gedanken zu machen. 

Einige besondere Trainer, die mich sehr inspiriert haben:

Fred Rai - S. Schnelle - K. F. Hempfling - Gerd Römbke - H.-J. Neuhauser - Tristan Tucker  - Sylvia Czarnecki

Seelische Verbindungen aufbauen: (englischsprachige Seite) Trust Technique

Auch Timo Ameruoso zählt zu den Trainern, die sich um eine gute Kommunikation von Mensch und Pferd bemühen und den ich sehr schätze.

chi-horsing.com Die feine Kommunikation mit dem Pferd.

Ein paar Videos über die hohe Schule des Reitens,
Grand Prix - Dressur mit Halsring: Hier zeigt sich, wer wirklich was kann
und hier nochmal Atemberaubend schön
Auch beim Springen geht es anders, obwohl ich nicht unbedingt vom Springsport begeistert bin: Alycia Burton

Passend zum Thema, Biomechanik des Pferdes: von Dr. med. vet. Gerd Heuschmann

Meine liebste Playlist bei youtube: über Pferdekommunikation

Interessante Artikel über die Möglichkeit verschiedene Kompetenzen im Umgang mit Pferden zu erlernen, darunter auch für Jugendliche oder Führungskräfte, finden Sie hier: 6 PDF Dateien Pädagogische Erfahrungen

Eine ganz besondere Akademie für Horsemanship gibt es hier: heinzwelz.de mit Videos

Hufbearbeitung, Naturhuf, Huforthopädie: HGM Trimming - difho.de 

Impfen mal kritisch betrachtet: impffreiheit.de

Schrittbewegung als Pferdetraining, Stoffwechsel, Muskulatur, Haltung usw.: dai-shodan.de

Ernährungszustand des Pferdes und viele Infos über Krankheiten, von Dr. C. A. Bingold: equivetinfo.de













Lisa Peters: pferd.24-hs.de


Freitag, 25. März 2022

Traum Nero Vulkan 25 * 03 * 2016



​Ich heiße Traum Nero Vulkan und bin ein Noriker-Wallach, braun, geb. am 25. März 2016 
Sehr gern erzähle ich euch meine Geschichte:

Als Noriker in Österreich geboren, kommen nicht alle Pferde zu Menschen, die mit ihnen ein Leben lang verbringen möchten. Viele Noriker landen beim Schlachter, weil jede Stute jedes Jahr belegt wird, nur wenige besondere Exemplare davon werden privat verkauft, der große Teil geht in die Fleischproduktion, denn im Winterquartier ist kein Platz mehr für die Fohlen der Stuten.

Als Fleischlieferant ist das Pferd auch mehr oder weniger ein Nutztier. Mein Pech war einfach, dass ich keine Stute zum Züchten und auch noch braun war, das gibt es leider wie Sand am Meer. So landete ich beim Schlachter, zuerstmal im Verkaufsstall, weil ich ja doch ein hübscher Bub war. Es ist aber auch so, dass trotzdem viele Pferde nur als Reittiere "genutzt" werden, manche von uns haben dadurch auch kein schönes Leben. Außer sie kommen zu Menschen, denen die reine Nutzung eher zweitrangig ist.

  

Aufgewachsen bin ich mit meiner Mama auf der Alm, da habe ich die frische Luft genossen, Trittsicherheit geübt und mit anderen Fohlen gespielt. Mit 6 Monaten wurde ich aber dann schon zum Schlachter verkauft, weil alle Stuten wieder in den heimatlichen Stall getrieben wurden und dort kein Platz mehr für mich war.

Es gibt Organisationen, die für solche „Schlachtfohlen“ ein gutes Zuhause suchen, damit sie weiter leben dürfen. Ein liebes Menschenmädchen hat sich sofort in mich verliebt und ihre Ersparnisse geopfert um mich zu sich zu holen, damit ich bei ihrer lieben Stute und ihrer kleinen Herde aufwachsen kann um dann später mein Für-immer-Zuhause zu finden.  

 

Ich kam erstmal mit einer riesigen Erkältung und Husten in meinem neuen Zuhause an, mein Immunsystem war ziemlich schwach geworden. Ich war noch sehr klein damals. Aber man hat sich gut um mich gekümmert und ich wurde schnell gesund. 

Hier habe ich mich schnell erholt und wohl gefühlt.

Meine neue Ziehmama, die Stute Tafi, hat mich sofort adoptiert und sich um mich gekümmert, denn die großen Jungs wollten noch nichts mit mir zu tun haben.

Wir beide haben alles zusammen gemacht, gefressen, gepflegt, geschlafen. Wie ein Fohlen mit seiner richtigen Mama. 

Mit 18 Monaten wurde ich dann kastriert, denn da habe ich doch etwas größeres Interesse gezeigt an meiner Ziehmama, aber das ist wahrscheinlich normal. In der Box der Pferdeklinik habe ich mich an die Schlachthofbox erinnert und konnte erstmal vor Kummer nichts fressen. Bis meine Menschen mich abholen kamen, da hab ich mich so gefreut und musste sofort anfangen alles was da noch war aufzufressen. Wir sind dann aber schnell nach Hause gefahren.

 

Zu Hause habe ich mich dann erstmal erholt und ausgeruht. Hier sieht man noch die Rasur am Hals von der Sedation.

Als ich 3 Jahre alt war, sind wir alle zusammen auf einen großen Hof gezogen. Hier wurde ich erstmal groß und stark. Hier sieht man mich nun im Alter von 5 Jahren, da war ich dann 160 cm groß und bestimmt 700-800 kg schwer geworden.

Damit bin ich aber auch alt genug meinten meine Menschen, dass meine Ausbildung beginnen kann und ich meine eigene Herde finden soll, weil ich gerne auch mal mehr lernen würde. 

Bis hierhin hatte ich schon einiges gelernt. Clicker-Training mit positiver Verstärkung finde ich z. B. super, da würde ich am liebsten nie aufhören. Ich gehe auch am Stallhalfter oder Knotenhalfter und langem Seil überall mit, auch ohne andere Pferde dabei, oder bleibe ruhig angebunden stehen und habe bisher echt noch nichts gefunden, was mich erschrecken könnte.
Riesige Landmaschinen, Planen, klappernde Gegenstände, interessiert mich alles nicht wirklich. Ein Gebiss hab ich bisher deshalb nie kennen gelernt, vielleicht brauche ich auch keins, ich bleib ja auch stehen, wenn mein Mensch stehen bleibt. Und ansonsten mache ich auch alles, was ich machen soll, wenn ich es verstanden habe. Meine zukünftigen Aufgaben sind eigentlich in fast jede Richtung offen.

Meine Hufe lasse ich pflegen, ich heb sie hoch, sobald man die mit dem Finger antippt, ich lasse sie auch oben, wenn es nicht zu lange dauert. Längeres Aufhalten bringt mich aber dann doch noch etwas aus dem Gleichgewicht, der Hufpfleger hat einfach immer mal abgewechselt, das ging dann schon. Zur der Zeit ging ich noch barhuf. Mittlerweile brauche ich aber Hufeisen vorne.

Rassebedingt bin ich sehr leichtfuttrig, das heißt mich darf man nicht mit Süßigkeiten verwöhnen, das würde mir nicht gut tun, außer 24/7 Heu bekomme ich nur Stroh zur Verfügung und natürliche Mineralien. Bisher geht es mir auch sehr gut damit. Finde ich persönlich jetzt nicht so toll, weil es gibt da bestimmt das ein oder andere Leckerchen in der Sattelkammer, hab ich natürlich auch schon versucht heraus zu finden, als mein Mensch die Tür aufgelassen hat, weil ich bin immer sehr neugierig und mutig. Sie hat mich da aber rückwärts am Schweif wieder heraus gezogen, weil ich mich da nicht umdrehen konnte und eigentlich wollte ich ja weiter suchen, durfte aber nicht, ich hätte bestimmt noch was gefunden.

Hilfsbereit bin ich auch immer beim Abmisten der Weide. Da passe ich genau auf und laufe neben der Karre her, damit da nichts zu voll geladen wird. Da muss ich schon ab und zu mal was ausleeren, damit das nicht zu schwer für meine Menschen wird, denn ich muss ja sogar manchmal den leichten Sattel rum tragen, also wenn der schon zu schwer ist für sie …

Meine Menschen meinten immer, das Gehirn eines Norikers arbeitet manchmal eher gemächlich, aber was da mal eingespeichert ist, das bleibt da auch drin! Ob man sich das nun gewünscht hat, oder nicht. Jedenfalls kann es dauern, wenn man was umprogrammieren möchte. Gegenseitiger Respekt ist notwendig, Geduld und vor allem Verständnis, dann geht fast alles wie von allein. Druck mag ich garnicht, man muss mir die Sachen, die ich machen soll einfach gut vorher erklären. 

Wenn mein Mensch zum Beispiel mit der Mistkarre ankommt, schwenke ich schon mal zur Seite, damit sie da auch vorbei kommt, ich denke da nämlich mit, drei mal vorher zart mit der Fingerspitze an der Flanke antippen hat genügt, jetzt weiß ich ja schon was von mir erwartet wird. Peitsche kenne ich auch, aber nur als verlängerter Arm meines Menschen, oder als Target zum Antippen, dafür gibts dann auch Leckerchen, die nehme ich auch ganz respektvoll und auch nur, wenn ich sie entgegen nehmen darf, bis dahin schau ich auch zur anderen Seite um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich verfressen wäre… 

Ich hörte immer wieder, ich wäre noch ein kleiner Tollpatsch, aber natürlich wachse ich mit 5 Jahren auch noch. Noriker wachsen manchmal bis sie 9 Jahre alt sind, natürlich nicht immer nur in die Höhe. Und wenn ich mich mal irgendwo aus Versehen anstoße und etwas umwerfe liegt das bestimmt auch nur an den zu kleinen Dimensionen des Offenstalles in dem ich mit den 3 anderen Mitbewohnern derzeit lebe. Außerdem bin ich sehr stark und deshalb suche ich auch ein Zuhause mit viel Platz und stabilen Gegebenheiten, denn manchmal scheuere ich auch ganz pferdetypisch mein Fell an einem Pfosten, falls da keine Bäume wachsen.

Auf liebe und verspielte Mitbewohner lege ich auch viel wert, denn ich spiele natürlich gerne mal ausgelassen mit den anderen. In meiner ersten Herde war ich noch der Rangniedrigste bei den Jungs. 

Natürlich übernachte ich auch mal ein paar Tage in der Box, wenn es sein muss, aber auf Dauer ist das nichts für mich, das ist mir zu langweilig. Außerdem schnarche ich gern lang ausgestreckt und wälze mich auch gerne in den weichen Spänen in meinem Unterstand. Und bitte ganz wörtlich nehmen: ich schnarche grundsätzlich immer, wenn ich schlafe.

Auf meine alte Ziehmama konnte ich in dem Alter natürlich schon aufpassen. Die wußte das inzwischen auch und respektierte mich, bin ja schon ein großer Junge geworden, mindestens 160 cm und damit fast größer als sie. Leider ist sie im Frühjahr über die Regenbogebrücke galoppiert, sie war schon alt und konnte nicht mehr laufen. Aber ich werde sie ja irgendwann dann mal wieder treffen, sobald ich dann auch mal über diese Brücke galoppiere.

Ich hab auch schon versucht heraus zu finden, ob hinter der Weide nicht doch noch besseres Gras wächst, aber meist ist doch jetzt der Strom an, dann bleib ich lieber drin, davor hab ich nämlich echt Angst. 

Ansonsten habe ich ein echtes Norikergemüt: ich habe ausdrucksvolle Gänge, trabe schneller und kraftvoller als alle meine Kumpels, übe Galopp-Pirouetten und fliegende Galoppwechsel liegen mir im Blut, das kann ich auf unserer großen Weide gut trainieren. Wenn ich so richtig in Fahrt komme, dann bebt die Erde und ich habe das Gefühl ich kann fliegen. Ob das mit Mensch oben drauf auch so gut funktioniert muss sich aber erst zeigen. Eine echte Sportskanone werde ich aber vermutlich nie werden. Lieber gehe ich gemütlich spazieren.

Wenn ich neue Menschen kennen lerne, versuche ich natürlich immer heraus zu finden, welche Rangordnung die haben. Dazu werden die grundsätzlich erstmal intensiv abgeschnuppert, falls ich da nichts heraus finde, versuche ich mal die Schuhe zu beknabbern. Sobald die mir aber versichern, dass sie auf mich aufpassen können und ich ihnen vertrauen kann, dürfen sie mir dann auch den großen Hintern kraulen, treten oder beißen kommt für mich grundsätzlich nicht in Frage.

Natürlich habe ich auch gelernt, dass ich respektvoll auf Abstand gehe, falls dies gewünscht wird, aber eigentlich bin ich immer sehr schmusebedürftig und zum Kuscheln aufgelegt. Ich mag auch kleine Kinder, die dürfen auch rum schreien und toben, aber meine Hufe sind natürlich sehr groß, da müssen die schon aufpassen, wo sie hin laufen. Bellende Hunde sind auch kein Problem für mich, die finde ich sehr interessant, aber wenn ich dann ankomme um zu spielen, laufen die leider immer weg.

Als Jährling wurde ich auf PSSM getestet, damit man meine Haltung gut anpassen kann, um mich möglichst gesund zu halten. Ich bin n/pssm, also Einzelgenträger wie mein Papa und zeige keinerlei Auffälligkeiten. Gutes Heu oder Stroh und natürliche Mineralien reichen für mich aus. Man sollte mich nur nicht endlos fressen lassen, ohne dass ich arbeiten muss, denn dann werde ich noch schwerer, als es sein muss. Mein Gewicht wird auf etwa 750 kg geschätzt, also ich mache schon mächtig was her.

Ich muss aber Zucker in jeder Form meiden, Obst, Getreide usw, weil ich durch PSSM eine veränderte Zuckerspeicherung habe. Das macht mich besonders leichtfuttrig, meine Rasse ist deshalb gut zur schweren Arbeit geeignet, wie Holzrücken oder Kutsche ziehen. Aber ich mache auch eine tolle Figur, wenn ich einfach nur vielseitig eingesetzt werde. Es gibt einige Vertreter meiner Rasse, die auch im Sport eigesetzt werden, aber ich bin wohl besser als Freizeitpferd geeignet, bei dem ich nicht von Null auf Hundert Leistung erbringen muss, sondern mich langsam warm laufen kann. Ich gehöre eher zur gemütlichen Sorte, obwohl ich natürlich auch ausgelassen spielen kann. 

Mein menschliches Herdenmitglied sollte gute Führungseigenschaften besitzen, denn als Noriker bin ich eigenständiges Handeln gewohnt und habe kein Problem damit für mich selber zu entscheiden. Trotzdem kann ich ganz entspannt sein, sollte mein „Chef“ für mich die Entscheidungen übernehmen wollen. Für meine bisherigen Menschen war es wichtig, dass ich vor allen Dingen in ein liebevolles Zuhause kommen darf. Sonst musste ich auch nicht wirklich wegziehen. 

Im Jahr 2021 habe ich dann meinen ganz besonderen, lieben Menschen gefunden, sie hat mich zu sich geholt und ich wohne nun mit einer großen Herde in einem wunderschönen Stall mit großen Weiden, so wie wir Pferde das lieben. Dort bin ich ziemlich schnell der Chef geworden, denn mein damaliger Chef Chester hat mir alles beigebracht, was man dafür so wissen muss. Und sagt mal selber, bin ich nicht ein Prachtkerl geworden?






Lisa Peters: pferd.24-hs.de