Als ich Fjölvi zum ersten Mal sah, war er etwa elf Jahre alt.
Er sollte als Gesellschafter für meinen Chester zu uns kommen. Bis dahin lebte er in einer Reitschule und war dort als Schulpferd ausgebildet worden. Doch für den täglichen Betrieb mit ständig wechselnden Reitschülern war er nicht geeignet.
Als ich ihn kennenlernte, fiel mir sofort sein Zustand auf. Wegen seines Sommerekzems hatte er kaum noch Mähne, die Schweifrübe war kahl und sein Fell sprach Bände.
Ich bat ihn um ein paar einfache Dinge. Unter anderem trabte er auf mein Zeichen an. Nichts Besonderes – und doch etwas, das die Reitlehrerin überraschte.
Sie schaute mich an und sagte:
"Du bekommst ihn. Er liebt dich."
Ich musste lächeln.
"Wie sollte er mich nach zehn Minuten lieben?"
Sie erklärte, dass er sich anderen Menschen gegenüber oft ganz anders verhalte und nicht immer tue, worum man ihn bitte.
Damals wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir dieselbe Situation interpretierten.
Sie glaubte, Fjölvi hätte sich für mich entschieden, weil er mich mochte.
Ich sah etwas anderes.
Ich hatte den Eindruck, dass er einfach erleichtert war, endlich einem Menschen zu begegnen, dessen Körpersprache für ihn verständlich war.
Das ist ein großer Unterschied.
Viele ursprüngliche Pferderassen und Wildpferderückzüchtungen wie Tarpane, Koniks oder Dülmener bringen noch sehr viel Eigenständigkeit mit. Sie folgen nicht automatisch jedem Menschen. Sie prüfen, beobachten und entscheiden.
Manche bezeichnen sie deshalb als stur oder schwierig.
Ich sehe das anders.
Sie folgen nicht blind. Sie folgen dann, wenn sie einen Sinn erkennen und Vertrauen fassen.
Genau das machte Fjölvi zu einem wunderbaren Lehrmeister.
Er wurde später eines der beliebtesten Pferde meiner Reitschüler.
Er verweigerte nie.
Aber nicht, weil er ein Pferd war, das einfach alles mit sich machen ließ.
Er achtete auf mich. Er vertraute mir. Und dieses Vertrauen schenkte er auch den Kindern, wenn sie es sich in seinem Tempo erarbeitet hatten.
Unsicherheit dagegen konnte er nicht einfach übergehen.
Es gab Kinder und auch Erwachsene, die ihn von Herzen liebten. Trotzdem arbeitete er mit ihnen nicht selbstverständlich zusammen.
Nicht aus Bosheit.
Sondern weil ihre Unsicherheit für ihn keinen klaren Weg vorgab.
Ein ursprüngliches Pferd kann einer unklaren Führung kaum folgen. Das wäre aus seiner Sicht nicht natürlich.
Heute ist Fjölvi einundzwanzig Jahre alt.
Seit rund zehn Jahren lebt er bei uns.
Er wird inzwischen nicht mehr geritten und genießt seine Zeit mit seinem Kumpel Chester. Seine Offenheit verschenkt er bis heute nicht an jeden sofort. Erst beobachtet er. Dann entscheidet er.
Und genau das liebe ich an ihm.
Übrigens verschwand sein Sommerekzem schon relativ kurze Zeit, nachdem er bei uns eingezogen war. Seine Mähne wuchs wieder nach und auch sein Schweif erholte sich. Ob es allein an der Haltung lag, kann ich natürlich nicht sicher sagen. Ich habe jedoch oft den Eindruck, dass Wohlbefinden und Stress auch einen Einfluss auf die Gesundheit eines Pferdes haben können.
Fjölvi hat mir in all den Jahren etwas Wichtiges beigebracht:
Wir verwechseln die Kooperation eines Pferdes viel zu oft mit Liebe.
Dabei wünschen sich viele Pferde vor allem eines:
Verstanden zu werden.
Und manchmal reicht genau das aus, damit sie uns etwas schenken, das viel tiefer geht als bloßer Gehorsam – ihr Vertrauen.
Oft verändert sich das Pferd, wenn sich die Kommunikation verändert. Wenn du dir auf diesem Weg Unterstützung wünschst, begleite ich dich gerne –
Lisa Peters: pferd.24-hs.de