Meine Pferde waren nicht aggressiv. Sie waren nicht gefährlich. Sie galten auch nicht als Problempferde.
Und trotzdem hatte ich immer häufiger das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
Nach mehreren Stallwechseln sah ich dieselben Probleme immer wieder. Pferde, die nicht ausreichend zur Ruhe kamen. Meine Stute zum Beispiel legte sich oft sofort hin und schlief, sobald ich sie aus einer Gruppe holte, in der sie nie wirklich zur Ruhe kam.
Pferde, die ständig auf der Suche nach Futter waren und sich kaum auf etwas anderes konzentrieren konnten, weil nie genug davon vorhanden war.
Pferde, die sich verletzten, weil im Auslauf ein ständiger Kampf um Ressourcen herrschte.
Pferde, deren Bedürfnisse im Alltag zu wenig Beachtung fanden, weil Liegeflächen nicht eingestreut waren oder Rückzugsmöglichkeiten fehlten.
Damals versuchte ich nicht, die Pferde zu verändern. Ich begann zu fragen, was sie eigentlich brauchten.
Rückblickend war das vielleicht die wichtigste Lektion, die meine Pferde mir beigebracht haben.
Viele Menschen beginnen erst dann nach Ursachen zu suchen, wenn ein Pferd auffällig wird. Wenn es sich nicht verladen lässt, beim Reiten Probleme macht oder im Umgang schwierig erscheint.
Doch Pferde müssen nicht erst auffällig werden, um zu zeigen, dass etwas nicht stimmt.
Manchmal zeigen sie es durch Müdigkeit.
Manchmal durch ständigen Hunger.
Manchmal durch innere Unruhe.
Und manchmal zeigen sie es gar nicht deutlich genug, damit wir es sofort erkennen.
Je mehr ich beobachtete, desto klarer wurde mir, dass viele Schwierigkeiten ihre Ursache nicht im Pferd hatten.
Nicht das Pferd war das Problem.
Die Umstände waren es.
Ein Pferd, das nie ausreichend schlafen kann, wird nicht deshalb müde, weil es ein schwieriges Pferd ist.
Ein Pferd, das ständig nach Futter sucht, tut das nicht, um seinen Menschen zu ärgern.
Ein Pferd, das unter Stress steht, reagiert nicht aus Bosheit.
Es versucht lediglich, mit seiner Situation zurechtzukommen.
Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf Pferde grundlegend verändert.
Ich begann, weniger auf das Verhalten zu schauen und mehr auf die Ursachen.
Was erlebt dieses Pferd jeden Tag?
Hat es genügend Ruhe?
Genügend Futter?
Genügend Sicherheit?
Kann es seinen natürlichen Bedürfnissen nachkommen?
Heute glaube ich, dass viele Probleme gar nicht erst entstehen würden, wenn wir diese Fragen häufiger stellen würden.
Pferde lehren uns etwas, das in unserer schnelllebigen Welt leicht verloren geht:
Bevor wir etwas verändern wollen, sollten wir versuchen, es zu verstehen.
Denn Verhalten hat Ursachen.
Und wenn wir beginnen, nach diesen Ursachen zu suchen, profitieren am Ende vor allem die Pferde davon.
