Donnerstag, 9. Juli 2026

Wenn Pferde sich entschuldigen – eine Lektion von Fjölvi, Chester und Nero




Momente, in denen man für einen Augenblick einen Einblick in eine Welt bekommt, die uns Menschen oft verborgen bleibt. Auch wenn ich diese Geschichten schon einmal erzählt habe, möchte ich das gerne noch einmal aufgreifen unter einem anderen Blickwinkel.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte in genau diesen Augenblicken eine Kamera in der Hand. Aber meistens ist es anders: Man steht einfach nur da, tief berührt von dem, was man gerade sieht.

So ging es mir mit Fjölvi und Chester.

Zwei junge Pferde, die Freunde fürs Leben wurden

Chester bekam damals einen Kumpel.

Er war erst vier oder fünf Jahre alt und musste nicht länger nur mit der alten Stute zusammenstehen. Er war voller Energie, verspielt und brauchte einen Freund, der mit ihm herumtoben konnte.

Fjölvi war erst seit knapp drei Monaten bei uns.

Von Anfang an waren die beiden unzertrennlich.

Sie standen zusammen, ruhten zusammen, lagen zusammen, fraßen zusammen, tranken zusammen, gingen gemeinsam zum Äppeln und natürlich spielten sie zusammen. Wenn einer ging, rief der andere ihm hinterher.

Es sah aus, als hätten sich zwei gefunden.

Und wenn sie auf dem Platz toben durften, dann waren sie besonders ausgelassen. Pferdespiel ist nicht immer sanft und vorsichtig, wie wir Menschen es vielleicht erwarten würden. Es ist wild, kraftvoll und manchmal ziemlich deftig.

Aber es ist auch Kommunikation.

Ein Unfall und ein außergewöhnliches Ritual

Eines Tages passierte es.

Fjölvi traf Chester nahe am Auge. Ob mit einem Biss oder einem Schlag, hatte ich nicht gesehen.

Chester quietschte auf und sprang buckelnd davon.

Nicht unbedingt vor Schmerz – sondern wohl eher aus Empörung darüber, dass Fjölvi sich so etwas erlaubt hatte.

Pferde sind Beutetiere. Die Natur hat ihnen nicht gegeben, vor Schmerz laut zu schreien und damit Raubtiere anzulocken. Wer das bezweifelt, sollte bedenken, dass selbst schwere Verletzungen wie ein gebrochenes Bein oder eine Kolik nicht automatisch zu einem Schmerzlaut führen.

Chester war also nicht „jammernd“ davongelaufen.

Er war beleidigt.

Und das kannte ich von ihm. Wenn Fjölvi einmal die Oberhand hatte, obwohl Chester als Chef der Herde eigentlich der Stärkere und Erfahrenere war, dann konnte Chester schon einmal quietschend und buckelnd davon stürmen.

Zufällig sah ich später, dass Chester tatsächlich eine kleine Verletzung hatte: eine winzige Hautabschürfung unterhalb des Auges. Nicht einmal Blut lief.

Ich hätte die Stelle behandeln können, aber es gab nichts, was behandelt werden musste.

Dann sah ich Fjölvi.

Er stand in der Mitte des Platzes.

Und plötzlich ging Chester langsam auf ihn zu.

Diesmal wich Fjölvi nicht zurück. Er begrüßte Chester sogar mit einem Hufscharren.

Chester blieb vor ihm stehen.

Und dann begann etwas, das ich vorher noch nie gesehen hatte.

Die Sprache der Pferde

Die beiden gähnten sich gegenseitig an.

Immer wieder.

Sie leckten sich über die Lippen, beschnupperten ihre Nasen.

Dann begann Fjölvi, Chester ganz vorsichtig mit seinen Nüstern zu berühren.

Chester erwiderte diese sanften Berührungen.

Und dann geschah etwas, das mich tief berührte:

Fjölvi begann, Chesters Wunde zu lecken.

Immer wieder leckte er über sein Gesicht.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon zugeschaut hatte. Ich stand einfach nur da und beobachtete diese beiden jungen Pferde.

Natürlich hatte ich in diesem Moment keine Kamera bereit.

Oder besser gesagt: Man denkt in solchen Augenblicken gar nicht daran.

Aber dann fiel mir ein, dass ich mein Handy dabei hatte.

Der intensivste Moment des Leckens war zwar schon vorbei, aber ihr gegenseitiges liebevolles Beknabbern dauerte noch an.

Und genau das sieht man auch im Youtubevideo, den Link dazu habe ich eingefügt:

Wer die beiden kennt, weiß, dass dieses Spiel normalerweise viel wilder aussieht.

Aber diesmal war etwas anders.

Es war, als würden sie sich gegenseitig versichern:

„Ich wollte dir nicht weh tun.“

„Ich weiß.“

„Wir sind trotzdem Freunde.“

Tiere haben eine Seele voller Zwischentöne

Wir Menschen müssen Tieren ein vielschichtiges Gefühlsleben zugestehen.

Nicht, indem wir ihnen menschliche Gedanken überstülpen.

Sondern indem wir anerkennen, dass sie Beziehungen leben, Gefühle zeigen und soziale Bindungen pflegen – auf ihre eigene Art.

Pferde können nicht mit Worten sagen, dass etwas ein Versehen war.

Aber sie haben andere Möglichkeiten.

Sie können Nähe suchen.

Sie können beruhigen.

Sie können wieder Verbindung herstellen.

Und manchmal können sie uns zeigen, wie wenig nachtragend und wie ehrlich Beziehungen sein können.

Einige Jahre später: Nero

Einige Jahre später kam Nero zu uns.

Er kam mit sechs Monaten direkt vom Schlachter in unsere kleine Herde.

Ein großes Schlitzohr.

Später wurde aus ihm ein 3,5-jähriger Noriker – ein beeindruckendes Pferd, groß, kräftig und schwer.

Aber gleichzeitig unglaublich klug, liebevoll und sensibel.

Auch Nero zeigte mir, wie fein die Kommunikation der Pferde ist.

Nach Tagen mit viel Regen waren die Böden aufgeweicht. Die Pferde standen aus verschiedenen Gründen jeweils zu zweit in großzügigen Unterständen mit Paddock und konnten den großen Trail und die Weiden gerade nicht gemeinsam nutzen.

Eines Tages passierte es:

Beim Abäppeln blieb die Gittertür zu Neros Auslauf nur angelehnt.

Nero bemerkte das sofort.

Er schob sie auf und marschierte direkt zum Eingang des Trails.

Dort wartete er.

Natürlich hatten Chester und Fjölvi nebenan längst bemerkt, was los war, und standen ebenfalls am Tor.

Ich konnte es nicht übers Herz bringen, sie alle wieder zurück zu schicken.

Nach den vielen Regentagen auf dem kleineren Paddock wollte ich ihnen die Freude gönnen.

Also öffnete ich das Tor.

Und dann explodierte die aufgestaute Energie.

Chester und Fjölvi galoppierten los. Den ganzen Trail entlang, auf die Weiden, wieder zurück, hin und her.

Sie hörten gar nicht mehr auf, sich zu freuen.

Und Nero?

Nero machte Bocksprünge, galoppierte hin und her und buckelte voller Lebensfreude.

Seine Ziehmama Tafi wurde natürlich ebenfalls angesteckt.

Zum Glück hielt der Boden und keines der Pferde rutschte aus.

Eine kleine Lektion von einem großen Pferd

Irgendwann wollte ich Ruhe hineinbringen.

Ich holte die Futterschüsseln – denn bei der kleinen Portion Mineralfutter werden schließlich alle wieder ganz vernünftig.

Als ich quer durch den Auslauf laufen wollte, kam Nero plötzlich um die Ecke galoppiert.

Ich sprang zur Seite.

Er drehte um und wollte wieder loslaufen.

Als er an mir vorbeikam, hob er sein Bein in meine Richtung.

Eine Drohung.

Ich weiß, dass Nero und jedes andere Pferd sehr genau treffen könnten, wenn sie es wirklich wollten.

Aber in diesem Moment machte es mich wütend.

Ich war selbst angespannt. Ich wollte die Situation kontrollieren und Ruhe schaffen – und natürlich hilft eigene Aufregung dabei nicht gerade.

Nachdem alle wieder zufrieden fraßen und alle Tore geschlossen waren, blieb ich trotzdem innerlich angespannt.

Ich lehnte mich an den Zaun und dachte darüber nach.

War das wirklich ernst gemeint gewesen?

Oder hatte Nero mein Herumspringen vielleicht als Spielaufforderung verstanden?

Denn Pferde unterscheiden sehr genau zwischen Ernst und Spiel. Und er hätte mich treffen können, wenn er wirklich gewollt hätte.

Während ich noch darüber nachdachte, kam dieses große Pferd plötzlich zu mir.

Meine Wuchtbrumme.

Mein kleines Mammutbaby.

Er gähnte mich an.

Und dann leckte er mir die Hände.

Ich kenne dieses Verhalten aus der Pferdeherde.

Wenn ein Pferd ein anderes versehentlich getroffen hat, wenn eine Situation zu heftig geworden ist, dann gehen sie oft wieder aufeinander zu. Sie gähnen, lecken, suchen Kontakt. Genau wie Fjölvi und Chester ein paar Jahre zuvor.

Eine Botschaft ohne Worte:

„Es war nicht böse gemeint.“

„Wir sind wieder gut.“

Und in diesem Moment löste sich meine ganze Wut auf.

Nero erinnerte mich daran, dass auch wir Menschen manchmal einen Moment brauchen, um wieder zuzuhören.

Eine Herde ist mehr als eine Gruppe von Pferden

Je länger ich Pferde beobachte, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir ihre sozialen Beziehungen oft unterschätzen.

Eine Herde ist für mich weit mehr als eine Ansammlung einzelner Pferde.

Sie ist ein soziales Gefüge.

Jedes Pferd ist ein Individuum.

Jedes übernimmt seine Rolle.

Es gibt enge Freundschaften, gegenseitige Rücksichtnahme, kleine Konflikte, gemeinsames Spiel und immer wieder Momente, in denen Beziehungen gefestigt werden.

Das bedeutet nicht, dass in einer Herde ständig Harmonie herrscht.

Im Gegenteil.

Gerade weil Spannungen ganz normal sind, braucht es offenbar auch Möglichkeiten, sie wieder aufzulösen.

Vielleicht gehören genau solche kleinen Gesten dazu.


Was wir heute oft nicht mehr sehen

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil viele unserer Hauspferde gar nicht mehr die Möglichkeit haben, über Jahre in stabilen sozialen Gruppen zu leben.

Beziehungen entstehen dort unter ganz anderen Bedingungen.

Gruppen werden verändert.

Pferde werden getrennt.

Manche verbringen einen großen Teil ihres Lebens allein in einer Box und haben nur begrenzten Kontakt zu Artgenossen.

Umso wertvoller erscheinen mir die Momente, in denen wir Pferde in einem gewachsenen Herdenverband beobachten können.

Dort zeigen sie uns oft Dinge, die wir kaum wahrnehmen würden, wenn wir nur auf einzelne Verhaltensweisen achten.


Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Sprache der Pferde

Vielleicht besteht Pferdesprache nicht nur aus Ohrenstellung, Schweifhaltung oder Mimik.

Vielleicht zeigt sie sich auch in den kleinen Gesten, mit denen Beziehungen gepflegt werden.

Nicht weil wir genau wissen, was sie bedeuten.

Sondern weil wir erleben dürfen, was sie bewirken.

Nero und Fjölvi haben mich gelehrt, genauer hinzusehen.

Nicht nach schnellen Antworten zu suchen.

Sondern Zusammenhänge wahrzunehmen.

Denn manchmal erzählt nicht eine einzelne Geste die Geschichte.

Sondern die Beziehung, in der sie entsteht.

Meine kleine Familie

Nero hat inzwischen eine eigene Herde gefunden.

Für mich wurde er einfach zu groß und zu schwer um ihn richtig Pflegen zu können.

Chester, der kleine wilde Spielkamerad von damals, hat ihn gut erzogen. Heute ist Nero selbst ein souveräner Chef einer zwölfköpfigen Herde.

Die alte Stute ist leider inzwischen nicht mehr bei uns.

Chester und Fjölvi sind nun wieder allein.

Aber sie sind meine kleine Familie.

Die Pferde, mit denen ich mein Leben teile.

Und ich möchte diese Momente nie vergessen, in denen sie mir zeigen:

Manchmal müssen wir Menschen nicht lehren.

Manchmal sind wir diejenigen, die lernen dürfen.


Lisa Peters: pferd.24-hs.de